Wachsam – Kapitel 1

1.

25. Juli 2007, Taneyville, Missouri, USA

 

Die Sonne schien nun schon seit Tagen ununterbrochen mit voller Kraft vom Himmel hinab. Seit mindestens ebenso vielen Tagen hatte es nun keine angenehmen Temperaturen mehr gegeben, ganz zu schweigen von vereinzelten Regentropfen. Die ganze Stadt war vollkommen ausgetrocknet, alle Grünflächen und liebevoll gepflegten Gärten längst verdorrt und zu einem unansehnlichen braunen Areal geworden. Die Bewohner dieser Stadt hatten die Qual der Wahl: Wenn sie sich in das Innere des Hauses begaben, um eine kleine Abkühlung von der ständigen Hitze zu bekommen, erwartete sie dort die stickige, angestaute Luft der letzten Wochen. Diejenigen unter ihnen, die diese noch weniger aushielten als die Hitze an sich, versuchten es sich unter einem Baum im vermeintlich schattigen Garten gemütlich zu machen, was sich als genauso unangenehm herausstellte. Besonders schlimm traf es die Bewohner, die diese Wahl zwischen drinnen und draußen nicht hatten, da sie an das Bett gebunden waren, oder aus anderen –unter anderem gesundheitlichen- Gründen nicht die Möglichkeit hatten, einen kleinen Spaziergang nach draußen zu unternehmen. Kurz, diese ganzen Tage waren für alle eine gewaltige Herausforderung. Nur die Kinder spielten losgelöst auf den menschenleeren Straßen, und erfreuten sich an der Hitze. Wann gab es schon einen so schönen und warmen Sommer? Dazu noch in der Ferienzeit? Keine Frage, für die Kinder war dieses Wetter das Beste, was ihnen passieren konnte, was man von der restlichen Bevölkerung nicht behaupten konnte: Für sie war es buchstäblich die Hölle auf Erden.

So wohl auch für den jungen Mann, der langsam die steile Straße hinaufging, und zwischendurch immer wieder stehen blieb, um eine kleine Verschnaufpause zu machen. Er war jung, sicher noch unter 20, und sah auffällig gut aus: Etwas längere, mittelbraune Haare, die offen um sein Gesicht herumstrichen, dazu haselnussbraune Augen mit einem ganz leichten Grünstich, den man nur erkennen konnte, wenn man ihm ganz genau in die Augen sah, und ein durchtrainierter Körper, der sich unter seinem weißen, eng anliegenden Shirt abzeichnete. Alles in allem hätte er ein Model sein können, aber er war nicht wegen einem Job hier. Er war hier, um SIE endlich zu finden. Das Mädchen, das ihm nun schon so lange im Kopf herumspukte. Er hatte sie nur einmal gesehen, und danach nie wieder. Das sollte sich jetzt ändern. Er wusste nicht viel, außer ihrem Namen und den der Straße, in der sie lebte, den er nach langen Recherchen endlich herausgefunden hatte. Aber das war es ihm wert gewesen.

Bald hatte er es geschafft. Er blickte auf den handgeschriebenen Zettel in seiner Hand, auf dem er sich aufgeschrieben hatte, wie er zu ihrem Haus kam. Nur ein paar Schritte trennten ihn von ihrem Zuhause, von ihr selber. Er würde sie in seine Arme schließen und nie mehr loslassen, das wusste er ganz genau. Dafür hatte er sie einfach viel zu sehr vermisst. Die letzten Kräfte mobilisierend, riss er sich noch einmal zusammen und stieg weiter den Berg hinauf, der ihn immer näher zu ihr brachte. Da vorne sah er schon die Straße, in die er einbiegen musste, und in der sie lebte. Sie war nur noch ein so kleines Stück entfernt… Er ging weiter und weiter, ohne anzuhalten. Auf den letzten Metern vor ihrer Straße fing er bereits an zu rennen.

Obwohl es nur noch Sekunden waren, die die beiden voneinander trennten, konnte er es nicht aushalten, hatte das Gefühl, zerspringen zu müssen, wenn er sie nicht innerhalb der nächsten Augenblicke sehen würde, wenn er sie nicht augenblicklich in die Arme schließen konnte. Jede einzelne Sekunde war jetzt wertvoll, auch wenn noch viele viele mehr zwischen ihrem Kennen lernen und dem heutigen Tag standen…

Er erinnerte sich noch an diesen Tag, der Tag, an dem sie sich kennen gelernt hatten und der sein Leben für immer verändern sollte, ein kalter Wintertag vor einem halben Jahr…

 

 

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~ von amhránaí - Oktober 15, 2012.

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